Das Märchen von Schloß Lomnitz
Familie von Kuester Familie von Küster kehrte ins Riesengebirge zurück

von Ines Eifler

Glück, Zufall, Abenteuerlust, ein gutes Händchen, jede Menge Mut und viel "warum nicht? das schaffen wir". Dazu Liebe, Freundschaft und jene natürliche Offenheit, deren Charme niemand widerstehen kann. All das kam zusammen, in einer Zeit des Umbruchs, der Anfänge, der Wieder- und der Neuentdeckungen, als Elisabeth und Ulrich von Küster voller Euphorie ihren Traum begannen. Die Mauer war gerade gefallen, beide studierten - er noch, sie seit kurzem - Jura, lebten im Chaos einer Studenten-WG in Berlin Moabit, einem der ärmsten und heruntergekommensten Viertel der westdeutschen Großstadt inmitten der Ex-DDR. "Wie wir damals wohnten, Toilette halbe Treppe tiefer, wo es nur Kerzenlicht gab, Eiseskälte im Winter, Junkies in der Nachbarschaft!", erinnert sich die in Potsdam gebürtige heutige Chefin von Schloss Lomnitz.

Romantische Anfänge
Die Neunziger brachen an, alles war anders als je zuvor, man ging nach Ostberlin in die alten Häuser, bereiste Osteuropa, war risikobereit und in Goldgräberstimmung. "Moment mal, Polen, Schlesien, da haben wir doch alten Familienbesitz", sagte Ulrich von Küster zu seiner Zukünftigen, die damals noch nicht wissen konnte, dass er nicht nur einen Bauernhof im Niemandsland meinte. Sondern ein Rittergut, ein Schloss, ein herrschaftliches Anwesen in einem der lieblichsten Täler Schlesiens, am Rande des Riesengebirges. "Schneekoppe? Liegt die nicht irgendwo im Schwarzwald?", dachte das Mädchen damals. Und ahnte nicht, das dies alles einst der Stolz ihrer eigenen Familie sein würde.
Denn heute ist Schloss Lomnitz Kulturstätte, Hotel, ein wiederbelebter schlesischer Adelsbesitz, Tagungsstätte, Museum, Veranstaltungs- und Ausstellungsort sowie Wohnsitz der kinderreichen Familie von Küster in einem. Und weithin berühmt durch Wanderausstellungen übers Hirschberger Tal oder Filme über Schlesien mit seinen Reizen, seiner Vergangenheit und Zukunft.

Eine wilde, romantische Fahrt in dieses Schlesien war es, die Ulrich von Küster, seine Freundin und sein Bruder damals in einem 1956er VW Käfer Cabriolet miteinander unternahmen. Eine Reise, heraus aus dem vertrauten, grauen Moloch Berlin, über Betonstraßen durch die karge frühere DDR, ins polnische Nachbarland, wo sie nach zehn Stunden Grenzstau ankamen. "Es wurde mystisch, immer schöner und verwunschener, es fuhren keine Autos, Kinder spielten an den Rändern leerer Straßen, und die Landschaft verwandelte sich in ein Atlantis mit dem Geist Rübezahl", schwärmt Elisabeth von Küster noch heute. "Ich dachte, wir wären in Österreich oder in irgendeinem Heimatfilm, und dann waren wir da."

Vor dem Abriß gerettet
Das Schloss Lomnitz, im Barock erbaut und 1835, als es der preußische Legationsrat Gustav Ernst von Küster erwarb, vom Schinkel-Schüler Albert Tollberg im Biedermeierstil umgestaltet, war einzigartig - und Ruine. Als die drei Deutschen in dem Dörfchen Lomnice ankamen, hatte das Schloss keine gute Zeit hinter sich. 1945 waren die letzten Besitzer von Küster geflohen, die Gutsherrin verließ den Ort gen Westen nach Deutschland, wurde enteignet und das Anwesen polnisches Eigentum. Eine Schule im Herrenhaus, eine Kolchose im kleineren, Witwenschloss genannten Haus von 1800, verfielen die wertvollen Gebäude nach dem polnischen Kriegszustand 1981, ohne dass sich jemand darum sorgte oder es instandhalten konnte. Das Denkmalamt hatte den Abriss schon beschlossen. Schloss Lomnitz Bäume wuchsen aus den Fenstern und vom Boden bis durchs Dach, das nur noch zur Hälfte das Haus bedeckte. "Die Balkone hielten zusammen wie ein Haufen Mikadostäbe", sagt Elisabeth von Küster, "alles lag voller Schutt." Und doch gingen sie das Abenteuer an, schufen sich ihre eigene Erfolgsgeschichte.
Görlitz kannten sie längst vom Durchfahren, und als die Stadtwerke einen Justiziar suchten, war für Ulrich von Küster klar, er würde ab nun zwischen der Stadt an der Neiße, Berlin, wo Elisabeth ja noch studierte, und Lomnitz pendeln. Einen polnischen Freund gab es in Berlin, "mit dem gründeten wir die deutsch-polnische Schloss Lomnitz Gesellschaft, um auch als Ausländer Grund und Boden kaufen zu können", erzählt Elisabeth von Küster. "Dafür brauchte man damals ein nur kleines Startkapital, selbst für mittellose Studenten aufzubringen, wenn man etwas sparte oder sein Auto verkaufte." 1991 konnten sie das große Schloss erwerben, denn die polnischen Behörden waren an deutschen Investoren und der Rettung von Architekturdenkmälern interessiert.

Vielfältige Unterstützung
Alle paar Wochen, dann immer häufiger, schließlich jedes Wochenende fuhr Elisabeth von Küster nach Lomnitz. "Trotz Sprachbarriere, Geldmangel und ohne Telefon fingen wir ganz langsam an. Ziel war, das Schloss unter Dach und Fach zu bringen." Sehr amüsiert und voller Sympathie spricht die heute 35-Jährige von den ersten Annäherungsversuchen zwischen den polnischen Bewohnern des Ortes und ihnen, die wiedergekehrten neuen Besitzern, die so gar nicht als reiche, bornierte Investoren mit großen Plänen auftraten und sich so langsam die Gunst der Dörfler erwarben. "Ich fühlte mich da so wohl, weil es ähnlich chaotisch war wie unser eigenes Leben", sagt Elisabeth von Küster. Das "Zeitmanagement" der Polen und dass man lieber keine Verabredungen treffen solle, habe sie eher amüsiert und sei nie ein Problem gewesen. "Heute bin ich zwar noch immer bisschen chaotisch", sagt die Mutter von fünf Kindern, "doch alles verläuft geordneter, gemäßigter und straffer als zu Beginn. Das Chaos ist keine Last mehr, aber schön war es damals dennoch." Vier Jahre später war es dann so weit. Als 1995 ein neuer Dachstuhl das Schloss krönte, waren die Küsters schon verheiratet, eine unsanierte, damals unglaublich preiswerte Riesenwohnung in der Görlitzer Südstadt diente als Zwischenlager für alles, was man zur Ausstattung des Schlosses verwenden konnte. "Und wollte uns damals jemand etwas schenken, sagten wir immer, gebt uns einen Sack Zement oder eine Ladung Ziegel", erzählt Elisabeth von Küster, "wir bekamen Hilfe von allen Seiten, unseren Eltern, Freunden, Verwandten."
Ganz überraschend bot Lomnitz damals das nur 20 Meter entfernte kleine Schloss zum Verkauf an. Das Grundstück und den historischen Gesamtkomplex zu teilen, war aber nicht im Sinne der örtlichen Verwaltung, "und so mussten wir es praktisch dazu nehmen." Geld war immer noch knapp bei den von Küsters, "aber irgendwie schafften wir das, und so hatten wir plötzlich zwei Schlösser."
Görlitz war inzwischen Hauptwohnort, Ulrich von Küster wurde Richter, seine Frau studierte noch immer in Berlin, tauchte dennoch immer mehr in Lomnitz ein. Unterstützung bekam sie vom Verein zur Pflege schlesischer Kunst und Kultur und vom Haus Schlesien. Auch private Spenden kamen, und das Anwesen gedieh. Hotel und Restaurant sollte das kleine "Witwenschloss" werden, die in Görlitz eingelagerten Stühle und Tische bekamen nun endlich eine Funktion. "Ganz klein, mit selbst gebackenem Streuselkuchen und Kaffee aus vier Kaffeemaschinen fingen wir an", erzählt Elisabeth von Küster. Ein paar junge Frauen aus dem Ort stellte sie an, einen polnischen Geschäftsführer gab es auch, doch das meiste nahm die junge Schlossherrin selbst in die Hand. An einen ihrer ersten Gäste im erst halbfertigen Hotel erinnert sie sich noch, "einen Professor, in dessen Zimmer es so einregnete, dass er die Nacht auf einem Klappsofa, fast unterm Klavier verbringen musste."

Mutter und Schloßherrin
Schon 1998 aber wurde das Hotel zu klein. Es lief gut, als hübsch saniertes Schlösschen mit persönlichem Flair, doch das große Gebäude war erst halbangefangen und "noch ganz gesichtslos". Elisabeth von Küster war schon schwanger mit ihrem ersten Kind, als sie wieder Sponsoren gewann, eine Tante für das Projekt begeisterte, Aktionen, Lesungen, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren anfing und die Eingangshalle "knallgelb" ausmalte. Kontakte waren schnell geknüpft, und mit der ersten großen Ausstellung zum wiederentdeckten Hirschberger Tal, dem "Tal der Schlösser und Gärten" im "Schlesischen Elysium" war ein Anfang gemacht. Und immer noch war alles sehr persönlich. Elisabeth von Küster lud das ganze Dorf zur Eröffnung ein, schenkte bei minus 25 Grad Glühwein "in rauen Mengen" aus und vergewisserte sich wieder einmal ihrer Überzeugung: "Das deutsch-polnische Verhältnis klappt auf privater Ebene am allerbesten." Sie bewundert, wie leicht sich Konflikte, gleich welcher Art, innerhalb von zwei, drei Minuten klären ließen, und ein beliebtes, schon traditionelles Ereignis ist ihr "Kleines Osterfest", zu dem sie immer einen Sonntag nach Ostern alle einlädt, die in Gutsnähe wohnen. Schloss Lomnitz Der Park rundherum, "eine Mülldeponie, als wir hier anfingen", erblüht inzwischen zu einem lieblichen Landschaftsgarten, das große Schloss ist fast vollendet, ausgestattet mit historischen Wandmalereien und antiken Möbeln. In der ersten Etage ist die Ausstellung "Tal der Schlösser und Gärten" dauerhaft etabliert, und Konferenzen, Seminare und Konzerte finden hier statt. Das Hotel beschäftigt fast 30 Leute, und der Gutshof, nun auch im Besitz der von Küsters, soll in Zukunft als lebendiger Bauernhof Groß und Klein nach Lomnitz locken. Schon jetzt kommen manchmal bis zu fünf Reisebusse täglich, um Schloss Lomnitz und sein wunderbares Drumherum zu besuchen.
"Insgesamt haben wir zwei Drittel aller Investitionen selbst erwirtschaftet", sagt Elisabeth von Küster, "jede Tasse Kaffee und jedes Stückchen Kuchen hat uns nach und nach dahin gebracht, wo wir heute sind." Als "Maskottchen" unter den Schlössern im Hirschberger Tal sei ihr Schloss Lomnitz inzwischen und dazu der einzige Ort dieser Art, der von den Nachfahren einer alten schlesischen Adelsfamilie wieder bewirtschaftet wird.

www.schloss-lomnitz.pl